Mehr Toleranz: Schluss mit Schubladendenken

Ob Herkunft, Sexualität, Bildungsstand oder Alter – Deutschland wird immer bunter. Zeigen wir auch mehr Toleranz? Das haben Wissenschaftler untersucht – mit spannenden Erkenntnissen.

Die Pride-Bewegung vereint Menschen überall auf der Welt in ihrem Wunsch nach Anerkennung. Was als Aktion der LGBTQ-Community begann, hat sich zur populärsten Bewegung für mehr Toleranz und Vielfalt entwickelt. Doch während auf der einen Seite Aktionen gegen Diskriminierung Zulauf haben und immer mehr Prominente und deutsche Unternehmen die Regenbogenfahne hissen, sorgen Hassaktionen im Alltag für Zweifel an der Toleranz der Deutschen. Kommen wir vielleicht doch mit der wachsenden Vielfalt in unserem Land schlechter klar, als wir eigentlich zugeben wollen?

„Wir wissen aus unseren Studien, dass sich viele Menschen für toleranter halten als sie sind. Es ist also wichtig, für uns zu reflektieren, was Toleranz gegenüber Anderen, Fremden, Andersdenkenden bedeutet. Es ist nicht Duldung oder Respekt, sondern es ist eine Wertschätzung“, erklärt Prof. Dr. Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG), Universität Bielefeld. Wie die Menschen mit der Vielfalt in unserem Land umgehen, in welchen Schubladen wir tatsächlich denken und was dabei hilft, das Miteinander zu verbessern, hat eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung untersucht und im Vielfaltsbarometer 2019 zusammengefasst. Für die repräsentative Studie wurden bundesweit 3.025 Personen ab 16 Jahren zu ihren Meinungen und ihrem Verhalten gegenüber verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen befragt. Wir haben die fünf wichtigsten Fakten zusammengefasst.

1. In Sachen Offenheit ist noch Luft nach oben

Um herauszufinden, wie gut die Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft ist, wurden die Studienteilnehmer zu ihrer Offenheit gegenüber Menschen mit Behinderung, Menschen anderen Alters, Geschlechtes, sexueller Orientierung, sozialer Schicht, ethnischer Herkunft oder Religion befragt. Das Ergebnis: Am stärksten werden hierzulande Menschen mit Behinderungen, einer anderen sexuellen Orientierung oder ethnischer Herkunft akzeptiert. Die stärksten Vorbehalte gibt es gegenüber ärmeren Menschen und Anhängern anderer Religionen. Interessanter Fakt: Die Forscher errechneten aus den ermittelten Werten auch die allgemeine Akzeptanz von Vielfalt in Deutschland. Diese lag auf einer Skala von 0 (intolerant) bis 100 (sehr tolerant) bei 68 Punkten. Da geht also noch was in Sachen Offenheit.

2. Bundesländer unterscheiden sich

Nicht überall in unserem Heimatland ist die Toleranz gegenüber anderen Menschen gleich stark ausgeprägt. Das Vielfaltbarometer ergab, dass die Norddeutschen und die Berliner besonders locker mit Diversität umgehen. Ihnen folgen Bewohner von Regionen im Süden und Westen Deutschlands. Besonders skeptisch gegenüber der Vielfalt scheinen ostdeutsche Bundesbürger zu sein. Eine aktuelle Studie des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg hat sich mit diesem regionalen Unterschied beschäftigt und nach den Ursachen geforscht. Ihre Umfragen ergaben, dass sich Bewohner der neuen Bundesländer selbst benachteiligt fühlen. Gleichzeitig waren 35 Prozent der befragten Ostdeutschen der Meinung, dass Zuwanderer soziale Probleme wie Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Kriminalität in der Region verstärkten. Und das, obwohl der Ausländeranteil dort deutlich niedriger als im Westen ist. Die Befragung zeigt deutlich, was Konfliktforscher schon länger beobachten: Wer sich diskriminiert fühlt, ist auch intoleranter gegenüber Fremden. Hier gilt es also, mit Aufklärung, politischer und gesellschaftlicher Arbeit für ein besseres Verständnis zu sorgen. Dazu kann jeder Einzelne durch ein empathisches Verhalten beitragen.

3. Akzeptanz durch Nähe

Das Vielfaltbarometer hat ebenfalls untersucht, wann sich Menschen am ehesten auf neue (andersartige) Begegnungen einlassen. Hier scheint es auf die Nähe anzukommen, denn besonders die Nachbarschaft erhöht die Toleranz. Im engeren sozialen Umfeld sorgen positive Erfahrungen dafür, dass die Einstellung gegenüber der Andersartigkeit aller Menschen nachhaltig verändert wird. Hier setzt auch die Robert-Bosch-Stiftung mit einigen Projekten an. So will die „Werkstatt Vielfalt“ mit ihren Aktionen für Kinder und Jugendliche zwischen verschiedenen Kulturen in der Nachbarschaft, der Gemeinde oder dem Dorf neue Brücken bauen und so den Zusammenhalt stärken.

4. Geld macht nicht zwangsläufig tolerant  

Nach Erkenntnis der Robert-Bosch-Stiftung spielt großer Reichtum eine weniger entscheidende Rolle, wenn es um die Akzeptanz von Vielfalt geht. Eine größere Rolle spielt offensichtlich die Verschiedenartigkeit des Lebensumfeldes. Wer in einem Viertel mit eher durchschnittlichen Einkommens- und Vermögensverhältnissen lebt, aber im Alltag eine hohe gesellschaftliche Diversität erlebt, scheint besonders tolerant zu sein.

5. Das Internet verbindet

Auch die virtuelle Verbindung zu anderen Menschen wirkt sich positiv auf das Verständnis für unsere Unterschiedlichkeit aus. In Bundesländern, in denen der Zugang zum Internet gut ist und man sich die Welt quasi mit wenigen Klicks ins Privatleben holen kann, waren die Befragten Andersartigkeit gegenüber mehr aufgeschlossen als in Regionen mit schlechtem Netz. Soziale Medien scheinen also dazu beizutragen, dass sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und Gesinnung leichter kennenlernen und besser verstehen, so die Schlussfolgerung der Forscher.

Foto: Marcel / Stocksy