„Ich habe immer versucht, Phantasie anzubieten“ - DAK-Gesundheit

„Ich habe immer versucht, Phantasie anzubieten“

Ein Interview mit dem ehemaligen Fernsehmoderator und Buchautor Rainer Holbe. In seinem Buch „Wir neuen Großväter: Der schönste Job der Welt“ will er seine Generation animieren, aktiv am Leben der Enkel teilzunehmen.

Herr Holbe, Sie halten Großväter heute für toleranter, hilfsbereiter und eigenständiger. Wie haben Sie Ihr eigenes Großvater-Werden erlebt?

Das Buch ist aus einer persönlichen Situation heraus entstanden. Von der Stunde ihrer Geburt habe ich alle drei Enkel begleitet. Ich lebe auch mit ihnen sehr eng zusammen. Mein ältester Enkel, er ist inzwischen 14, wohnt auf dem gleichen Stockwerk. Ich habe sie aufwachsen sehen und habe alles beobachtet, was ihnen widerfahren ist und was sie selbst in die Welt mit eingebracht haben. Ich bin Journalist, aber das Thema, Großvater zu sein, hat mich berührt wie kein anderes Thema je zuvor.

Was hat sich im Gegensatz zu früher geändert?

Diese Frage habe ich prominenten Personen gestellt. Viele hatten eine ganz andere Großvätersituation erlebt als wir sie heute vorfinden. Einfach geschichtsbedingt. Die Großväter meiner Freunde und Zeitgenossen waren Soldaten, die schwierigste persönliche Schicksale erlebt hatten. Das kann man mit der heutigen Situation nicht vergleichen. Ich meine, dass die heutige Großvätergeneration es so gut hat wie keine zuvor. Das meine ich sowohl ideel als auch materiell. Die Rentner von heute, die meisten jedenfalls, können sich mehr leisten, als die Kriegsgenerationen zuvor. Damit können sie sich auch geistige Freiheiten erlauben. Sie können viel lesen, mit ihren Enkeln reden, ins Theater gehen. Ich wollte meine Generation ermuntern, dieses Großväterdasein nicht nur zu genießen, sondern auch zu gestalten. Wir haben die Zeit dazu, wir haben die Erfahrung. Und es wären verschenkte Ressourcen, wenn man das nicht täte.

„Ich habe immer versucht, Phantasie anzubieten“ - DAK-Gesundheit

Was haben Sie konkret mit Ihren Enkeln unternommen?

Das wichtigste ist das Miteinander-Reden. Als der erste Enkel auf die Welt kam, habe ich ein Kasperle-Theater gekauft. Ich habe immer versucht, Phantasie anzubieten. Und ich habe natürlich genauso profitiert von meinen Enkeln, wie sie von mir. Es war ein permanenter Austausch. Ich habe erlebt, wie philosophisch Dreijährige sein können. Mein Enkel Leo hat mal gesagt, der Welt würde es besser gehen, wenn sie wüsste, wo irgendwo wäre. Er hatte immer von seinen Eltern und Großeltern gehört: Wo sind denn die Schlüssel? Irgendwo müssen sie doch sein! Wo ist die Brille… Irgendwo habe ich sie doch abgelegt. Daraus hat er seine persönliche, philosophische Erkenntnis gezogen. Großartig!

Viele ältere Menschen sind der Meinung, früher sei alles besser gewesen. Es hätte keinen Smartphone Konsum gegeben, keine Überreizung. Sie scheinen anderer Meinung zu sein. Warum?

Ich betrachte die Dinge aufmerksam und habe keine Vorurteile. Die „Neuen Medien“ sind auch in meiner Familie Thema – es wird nicht problematisiert. Leo ist jetzt 14 und der jüngste Student an der Frankfurter Goethe-Universität. Seine Lehrer an der Schule haben ihm empfohlen, doch schon einmal ein Studium anzugehen parallel zum Schulunterricht. Er geht jeden Donnerstag zu den Seminaren und berichtet mir von Dingen, von denen ich noch nie gehört habe. Gerade beschäftigt er sich mit der archaischen griechischen Philosophie 2000 Jahre vor Christus, also noch vor der griechischen Antike. Wusste ich nicht, wusste er auch nicht, aber er erzählt mir davon. Es ist also ein permanenter Austausch.

Sie führen auch Schulklassen durch das Goethe-Haus in Frankfurt. Wie ist es dazu gekommen?

Das erste Buch, das ich von meiner Mutter in Frankfurt 1948 geschenkt bekam, war Goethes Faust. Es hat mich in den Bann gezogen, ich wollte alles wissen über Goethe und seine Universalität. Das setzte sich fort, als das Goethe-Haus in der Nachkriegszeit mit Hilfe der Amerikaner wieder aufgebaut wurde. Ich kannte jeden Winkel, jede Diele. Schon während meiner Jugend führte ich gleichaltrige Schüler durch das Geburtshaus von Goethe. Und das mache ich bis heute. Ich gehe in Kindertagesstätten, die in der Nähe liegen und erzähle den Kleinen von dem großen Meister und seiner Kindheit hier in Frankfurt.

Viele Ältere fühlen sich nicht mehr gebraucht und haben das Gefühl von Nutzlosigkeit. Was würden Sie ihnen empfehlen?

Das beschreibe ich in meinem Buch. Es gibt ganz pragmatisch so genannte Leihomas und -opas. Wer keinen Enkel hat, der kann sich Vereinen anschließen, die es in jeder Stadt gibt. Jeder hat eine eigene Biographie und es gibt viele Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Oder sich bei Kindergärten melden, das habe ich auch getan. Zuerst waren sie skeptisch, aber dann hatten sie richtig Spaß daran und ich auch! Ich habe gemerkt, mit welcher Begeisterung die Kleinen zuhören. Das klingt vielleicht etwas elitär, aber das ist bis heute rein spielerisch, unterhaltsam. Ich war ja lange Jahre Journalist im Fernsehen und da ist man Unterhalter. Ich habe das ZDF mit aus der Taufe gehoben und RTL auch. Ich habe meine Erfahrungen in dem Buch „Als die Mainzelmännchen laufen lernten“ zum 50. Geburtstag niedergeschrieben. Ich bin ein Geschichtenerzähler.

Ihre lebendige Neugier verstehen Sie auch bei Ihrem jungen Publikum zu wecken.

Ja, in meinem Großvater-Buch gebe ich ganz reale Empfehlungen. Ich bin oft mit meiner Familie in der Bretagne. Dort schauen wir abends den Sternenhimmel an. Auch die Begeisterung für Astronomie habe ich auf meine Kinder und Enkelkinder übertragen. Es gibt so vieles, was wir an unsere Enkelkinder weitergeben können. Und wenn wir die Welt mit den Augen unserer Enkel betrachten, finden wir zu neuen, überraschenden Perspektiven.


Buchtipp: Rainer Holbe: Wir neuen Großväter: Der schönste Job der Welt, Kösel Verlag, 17,99 Euro.

Foto: plainpicture/Cultura