Mit Büchern, Smartphones und Menschlichkeit gegen Alterseinsamkeit

Christine Rißmann im Interview

„Bin ich einsam?“ Leider gibt es hierzulande viele Menschen, insbesondere Menschen im hohen Alter, die diese Frage eindeutig mit ‚Ja’ beantworten. Doch glücklicherweise existieren Projekte wie die Medienboten, die es sich zur Aufgabe machen, Alterseinsamkeit vorzubeugen. So veranstaltet die ehrenamtliche Initiative der Hamburger Bücherhallen unter anderem regelmäßige Vorlesenachmittage in Senioreneinrichtungen oder bietet Smartphone- und Tablet-Schulungen an. Wir haben mit Christine Rißmann, seit sechs Jahren Leiterin der Initiative, darüber gesprochen, was sie im Rahmen ihrer Tätigkeit über das Älterwerden, über Einsamkeit und über das Leben im Allgemeinen gelernt hat. 


STECKBRIEF 

Name: Christine Rißmann

Alter: 51 

Gefühltes Alter: 42 (Der Grund dafür ist, dass ich erst mit Mitte 40 angefangen habe Kulturmanagement zu studieren und danach den Job gefunden habe, den ich jetzt mache und liebe).

Beruf: Leiterin der Initiative Medienboten

Größte Leidenschaft: Kultur

Lebensmotto: Machen statt schnacken

Leiterin der Initiative „Die Medienboten“: Christine Rißmann, Foto: Clara Simon

DER GESUNDE AUSTAUSCH mit Christine Rißmann

Hattest du zunächst Berührungsängste in Bezug auf das Arbeiten mit älteren Menschen?
Ja, vor allem bei Menschen mit Demenz und geistigen Einschränkungen. Denn ich wusste anfangs nicht so genau, was mich erwarten würde und wie ich auf die Menschen reagieren sollte. Diese Berührungsängste sind aber schnell verflogen.

Welcher Aspekt deiner Arbeit erfüllt dich heute am meisten?
Der direkte Kontakt und die Gespräche mit den älteren Menschen und die Freude, die die Medienboten ihnen bringen. Das live erleben zu dürfen, erfüllt mich mit großer Freude.

Was ist deine schönste Erinnerung als Medienbotin?
Es gab da mal eine sehr alte Dame, die zu uns gekommen ist. Sie war bereits über 90 Jahre alt und wollte ehrenamtliche Medienbotin werden. Im ersten Moment dachte ich, sie sei zu alt dafür. Aber im nächsten Moment dachte ich „Ach Quatsch, die Frau ist doch noch total fit.“ Und so ist sie dann tatsächlich Medienbotin geworden und ist drei Jahre lang in ein Seniorenheim zum Vorlesen gegangen und hat dort Menschen, die größtenteils jünger waren als sie selbst, sehr glücklich gemacht. Das war unglaublich erfüllend und die Menschen haben sehr viel Freude mit ihr gehabt. Als sie irgendwann nicht mehr mobil genug war, habe ich sie dann als Medienbotin zu Hause besucht und habe mit ihr noch wundervolle Nachmittage erlebt. Sie war ganz wach und interessiert bis ganz zum Schluss. Diese Frau hat mich wahnsinnig gerührt.

Sind ältere Menschen automatisch einsamer? 
Viele ja, aber es muss nicht zwingend so sein. Interessanterweise habe  ich den Eindruck, dass vor allem in den Pflegeeinrichtungen viele Menschen einsam sind. Obwohl sie dort ein großes Angebot haben, das sie jedoch aus den verschiedensten Gründen nicht wahrnehmen möchten. Etwa, weil sie sich nicht trauen. Bei den Menschen, zu denen wir hingehen, habe ich nicht das Gefühl, dass sie pauschal einsam sind. Aber natürlich sind immer wieder auch einsame Menschen dazwischen. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass wir mit unseren Projekten und Besuchen wichtige Präventionsarbeit leisten und den Menschen eine soziale Teilhabe ermöglichen.

Wie wichtig sind Freundschaften und soziale Kontakte für ältere Menschen? 
Soziale Kontakte halte ich für das Allerwichtigste überhaupt. Und genau deshalb glaube ich, dass Besuchs- und Kulturprojekte, wie wir sie anbieten, essentiell sind. Denn auf diese Weise können Kontakte weiterhin aufrechterhalten werden.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Können soziale Medien den Austausch untereinander fördern?
Digitalisierung und speziell soziale Medien spielen eine wichtige Rolle, und zwar bis ins hohe Alter hinein. Vor allem für die 70- bis 80-Jährigen sind die sozialen Medien enorm wichtig, weil sie darüber Entfernungen überbücken können. Familien leben heute ja oft verstreut. Die Menschen in unseren Schulungen wollen am häufigsten wissen, wie WhatsApp funktioniert und wie man Fotos austauscht. Ich erlebe immer wieder 90-Jährige, die Tablets und Smartphones nutzen, um online zu gehen und Freundschaften zu pflegen. Die Möglichkeiten moderner Medien sollten also nicht unterschätzt werden. Ich halte sie für deutlich besser, als ein einseitiges Medium wie der Fernseher, von dem man sich bloß berieseln lässt.

Was hast du im Rahmen deiner Medienboten-Tätigkeit über das Älterwerden gelernt?
Ich habe vor allem gelernt, dass das Lernen niemals aufhört und dass es keine bestimmte „ältere Zielgruppe“ gibt. Ein 90-Jähriger kann sich durchaus für die gleiche Literatur interessieren wie ein 50-Jähriger. Außerdem habe ich gelernt, dass in einer Demenzwohngruppe nicht zwingend einfache oder spezielle Demenz-Literatur vorgelesen werden muss. Den Osterspaziergang von Goethe etwa lieben alle – egal, ob sie dement sind, eine geistige Einschränkung haben oder hochbetagt sind. 

Wie kann jeder Mensch (ganz gleich ob jung oder alt) einen Teil dazu beitragen, dass Menschen sich weniger einsam fühlen?
Man kann selbstverständlich ehrenamtlich tätig werden oder Veranstaltungen besuchen, auf denen ältere Menschen sind oder selbst Veranstaltungen ins Leben rufen. Man muss sich übrigens nicht zwangläufig jede Woche ehrenamtlich betätigen. Bereits ein Besuch, der einmal im Monat stattfindet, ist für ältere Menschen unfassbar wertvoll. Oft zehren sie mehrere Tage davon. Schon ein kleiner zeitlicher Input kann also ganz viel bewirken. Das kann übrigens auch ganz einfach ein nachbarschaftlicher Smalltalk sein.

Wie stehst du zum Thema Älterwerden?
Noch blicke ich dem Ganzen gelassen entgegen. Gesundheit, soziale Kontakte und Kultur – so lange diese drei Rahmenbedingungen erfüllt sind, kann mir das Älterwerden ruhig „passieren“.

Was ist deiner Meinung nach das beste Lebensalter?
Da ich aufgrund meiner Arbeit viel Kontakt zu Menschen habe, die sich in der Lebensspanne befinden, glaube ich, dass die Zeit zwischen 65 und 75 sehr bereichernd sein kann. Also die Phase, in der man nicht mehr arbeitet und Zeit und Lust hat, ein Ehrenamt auszuführen oder eigene Ideen zu verwirklichen. Ansonsten fühle ich mich aber auch in meinem jetzigen Lebensalter sehr wohl.

Wie können wir lernen, uns mit der Vergänglichkeit des Lebens zu versöhnen?
Ich glaube, es ist sehr wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wir sollten uns mit der Vergänglichkeit auseinandersetzen, statt sie zu verdrängen. Ehrlicherweise habe ich die Themen Vergänglichkeit und Tod selbst bisher auch eher verdrängt. Aber aufgrund privater Umstände bin ich derzeit oft in einem Hospiz. Ich gehe inzwischen sogar gerne hin, da es ein Ort ist, an dem auch viel Liebe und Betreuung und Freude herrscht. Das hätte ich vorher niemals gedacht. Für mich hat die bewusste Auseinandersetzung ein bisschen den Schrecken vor der Endlichkeit genommen. Und natürlich setze ich mich auch berufsbedingt verstärkt mit dem Thema Vergänglichkeit auseinander. Viele Menschen, die uns besuchen kommen oder die wir besuchen, sind ja bereits im hohen Alter. Ich erlebe häufig zum Glück auch einen durchaus humorvollen Umgang mit dem Alter. 

Was können die Jungen von den Alten lernen?
Kochen. Außerdem können die Jungen von den Alten Gelassenheit lernen. Also öfter mal das Smartphone auszustellen und offline zu leben. Die Jungen denken immer, sie können gut „chillen“. Dabei glaube ich, dass die Alten viel besser chillen können. 

Was können die Alten von den Jungen lernen?
Neues auszuprobieren, statt zu denken „Dafür bin ich zu alt.“ oder „Das brauche ich nicht mehr.“ Und sie können lernen, offen und neugierig zu bleiben. Damit meine ich, mitzukriegen, was gerade aktuell und angesagt ist und zu gucken, was für Filme schauen junge Menschen, welche Videospiele spielen sie und welche Musik hören sie gerade.

Wie lautet deine wichtigste Lebenserkenntnis?
Ich lebe nach der Devise, „Love it, change it or leave it.“ Außerdem bin ich dafür, sich immer schön raus aus der Komfortzone zu begeben.

Weitere Infos gibt’s hier: https://www.buecherhallen.de/medienboten.html