Hilfe, mein Partner starrt nur noch auf sein Handy!

Paartherapeutin Miriam Fritz im Interview

Immer mehr Menschen chatten, posten und liken von früh bis in die Nacht. Genau das kann zur Belastungsprobe für Paarbeziehungen werden, weiß die Therapeutin Miriam Fritz. Die gebürtige Hamburgerin arbeitet seit 2009 als Paartherapeutin, Systemische Therapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in ihrer eigenen Praxis. Wir haben mit ihr über die wichtigsten „Zutaten“ einer gesunden Beziehung gesprochen sowie darüber, welche Rolle moderne Medien heute in Beziehungen spielen und wie Paare wieder mehr zueinander finden können.

STECKBRIEF 

Name: Miriam Fritz

Alter: 47

Gefühltes Alter: Ich würde sagen um die 40. Aber das variiert sehr stark. Je nach Tagesform fühle ich mich mal wie ein Kind, dann wieder so alt, wie ich gerade bin oder aber alt und weise.

Beruf: Paartherapeutin und Systemische Therapeutin

Größte Leidenschaft: Das menschliche Miteinander, der Kontakt zu anderen.

Lebensmotto: „Liebe ist ein Verb.“

Der gesunde Austausch mit Miriam Fritz

„Liebe ist ein Verb.“ sagt die Hamburger Paartherapeutin Miriam Fritz

Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten „Zutaten“ für eine gesunde Beziehung?
Eine gelingende Kommunikation. Paare sollten viel miteinander sprechen, wirklich zuhören und den anderen ausreden lassen. Außerdem ist es wichtig, sich Fragen zu stellen und über Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen.

Mit welchem Anliegen kommen die meisten Paare zu dir?
Einerseits sind das Paare, die nebeneinanderher leben wie Brüderchen und Schwesterchen und die wieder miteinander in Kontakt kommen und auch wieder Sexualität leben wollen. Und dann gibt es auch viele Paare, bei denen es einen Seitensprung gab, oder bei denen die Wünsche sehr weit auseinandergehen, etwa wenn einer Kinder möchte und der andere nicht.

Inwiefern helfen dir deine eigenen Beziehungserfahrungen bei deiner Arbeit mit Paaren?
Die eigene Konflikt- und Beziehungsfähigkeit ist unglaublich wichtig. Nur dadurch, dass ich selbst durch Höhen und Tiefen in Beziehungen gegangen bin, kann ich mitfühlend sein und viele Themen nachvollziehen. 

Welche Rolle spielen moderne Medien – Stichwort Phubbing und Handysucht – bei deiner Beratung von Paaren? 
Es kommt immer häufiger vor, dass Paare sich dadurch verlieren und sich buchstäblich nicht mehr im Blick haben, weil jeder nur noch aufs Handy starrt. Wenn jeder nur noch mit seinen Chats beschäftigt ist, entsteht eine Art Teufelskreis. Denn aufgrund intensiver Mediennutzung verbringen manche Paare deutlich weniger Zeit miteinander und führen immer weniger wirkliche Gespräche. Das führt zu Gefühlen von Zurückweisung, Verunsicherung und Einsamkeit.

Resultieren daraus Beziehungsprobleme ganz neuer Art, etwa digitale Eifersucht?
Ja, ein übermäßiges Medienverhalten kann durchaus Eifersucht und Misstrauen lostreten. Wenn einer selbst in Momenten der Zweisamkeit ständig auf sein Display schaut, dann stellt sich der andere womöglich die Frage: ‚Bin ich weniger wichtig?’ Und das kann in Hinterherspionieren oder Kontrollieren gipfeln. Jedes Texten des Partners kann eine Bedrohung sein, also bohrt man ständig nach: ,Mit wem schreibst du?‘

Würdest du sagen, dass Smartphones unsere Beziehungen generell verändern?
Ja, aber auch im positiven Sinne. Moderne Medien stellen ja auch eine gute Möglichkeit dar, um miteinander in Kontakt zu bleiben. Gerade auch in Fernbeziehungen, die es heute immer häufiger gibt. Durch Facetime und Skype kann man mit dem Liebsten viel unmittelbarer sprechen – über Zeitzonen hinweg. Oder man kann sich im Alltag schnell mal liebevolle Nachrichten schicken und zeigen, dass man aneinander denkt. Oder sich für etwas entschuldigen, was einem im direkten Kontakt vielleicht schwerer fällt und man es dann sein lässt.

Warum machen uns Handys und Social Media so schnell süchtig? 
Es geht dabei ganz viel um Bestätigung. Denn es ist ein ganz tiefes menschliches Grundbedürfnis, von anderen gesehen und wertgeschätzt zu werden und diese Bestätigung kann man sich online natürlich ganz schnell holen. Beispielsweise indem man Likes sammelt oder indem man sofort eine Nachricht zurückbekommt. Das tut einfach gut und kann dementsprechend ein Suchtverhalten hervorrufen. Schöner wäre es allerdings, diese Wertschätzung von dem Partner zu bekommen.

Suchen wir uns online genau die Bestätigung, die wir in der Beziehung nicht bekommen? Zum Beispiel mit dem Posten von Bildern?
Ich glaube nicht, dass man das grundsätzlich so sagen kann. Aber wenn man in einer Beziehung nicht mehr richtig in Kontakt miteinander ist und online sehr viel mehr Zeit investiert als offline mit seinem Partner, dann sagt das natürlich was über die Beziehung aus und ist ein deutliches Signal.

Kennst du diese Probleme auch aus deiner eigenen Beziehung mit deinem Ehemann? Und wenn ja, wie gehst du dagegen an? 
Mein Mann und ich haben zu Hause ganz bewusst handyfreie Zonen eingerichtet. Wir achten darauf, die Handys auch immer wieder mal wegzulegen und leben das auch unseren Kindern so vor.

Welche Tipps kannst du Paaren in Bezug auf ihren Umgang mit Smartphones und Social Media geben?
Ich glaube, für Paare ist es ganz wichtig, sich immer wieder Zeiten zu zweit zu reservieren, sich Quality time zu nehmen und ganz bewusst zu verabreden. Man glaubt ja immer, so etwas muss spontan passieren. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Solche Zeiten muss man – ebenso wie ein Hobby oder wie Verabredungen mit Freunden – sehr ernst nehmen und fest einplanen. Außerdem sollten Paare für handyfreie Zeiten oder handyfreie Zonen sorgen und ein paar klare Regeln einführen. Etwa: Beim Essen bleibt das Handy aus. Oder: Wenn man nach Hause kommt, hat jeder eine halbe Stunde Bildschirmzeit, aber danach geht man in die bewusste Begegnung. 

Was kann noch dabei helfen, sich als Paar mehr im Hier und Jetzt zu verankern und weniger von äußeren Einflüssen ablenken zu lassen?
Ich glaube, das ist vor allem die tägliche Entscheidung füreinander. Also: Du bist mir wichtig und deshalb möchte ich auch Zeit mit dir verbringen.

Wie wissen wir als Paar, dass eine Paartherapie für uns sinnvoll wäre?Die meisten merken es, wenn sie nicht mehr miteinander reden können. Wenn beispielsweise jede Diskussion eskaliert und im Streit endet, holen sich viele Hilfe. Oder aber, wenn sie sprachlos sind und gar nicht mehr miteinander reden können.

Wie überzeuge ich meinen Partner von der Therapie? Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn er oder sie keine Lust darauf hat?
Es ist natürlich ein Signal dafür, nicht an sich arbeiten zu wollen oder dass einem die Beziehung nicht so wichtig ist. Aber ich würde da gar nicht so streng mit dem Partner sein. Vielleicht braucht der andere auch einfach nur einen Moment. Mein Tipp: Vielleicht erst einmal alleine in die Therapie kommen und dem Partner davon berichten. Also nicht sofort aufgeben, sondern erzählen, warum es so wichtig ist, so dass er am Ende vielleicht doch mitkommt.